Jessica Harrison

*1982, Grossbritannien

Found Figurines

2015–2018 Jessica Harrison’s Found Figurines sind Überarbeitungen von in Serie gefertigten Zierfigurinen, die die Künstlerin bei eBay-Auktionen ersteigert hat. Harrison gestaltet diese Objekte durch erneutes Glasieren und Brennen in radikaler Weise um, teilweise unter Verwendung von bis zu zehn Schichten Glasur und vier Bränden für ein einzelnes Werk.
Die Künstlerin benutzt die Figuren wie Testkacheln für neue Glasurrezepturen. Keine zwei Stücke sind gleich, da Harrison die physikalischen Grenzen des Schlickergusses auslotet. Tatsächlich überlebt nur ungefähr die Hälfte der auf diese raue Weise bearbeiteten Figuren, bei den anderen führt die starke Spannung der mehrfach aufgetragenen Glasuren und der erneute Brand zum Punkt des Kollapses oder zur Explosion.
Die Figurinen, die diesen Prozess der Überarbeitung überstehen, drängen zur Abstraktion, wobei die Haltung und die Bestimmung der Figur unter der dicken Glasur trotzdem sichtbar bleiben. Gleichzeitig entsteht eine eigenartige Balance zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, zusammengehalten durch eine filigrane Hülle.
Jedes Werk trägt den originalen Titel der eBay Auktionsliste als Hinweis zur Geschichte des Objekts. Unterschiedliche erwünschte Eigenschaften in oft unverständlicher Art aufgelistet, uninteressante Seriennummern und fehlerhafte Schreibweisen und Massangaben leisten alle ihren Beitrag zur Herkunft der Figurinen.

Bone China Figures

2015 Die Bone China Figures aus gefärbtem Knochenporzellan sind handgemacht. Sie stammen aus einer Werkreihe von Arbeiten, die sich auf existierende massenproduzierte Schlickerguss-Figurinen, eine vor allem in England von namhaften Firmen wie Royal Doulton und Coalport hergestellte Art von Keramik, beziehen.Aus der Distanz betrachtet erinnert die Silhouette der handgemachten Figuren der heimisch populären Kaminsims-Dekoration; bei näherer Betrachtung jedoch wirken sie zunehmend grotesk und missgebildet, da die schnelle und krude Art der Gestaltung sich in den nur grob angedeuteten Posen zeigt.
Diese Werkgruppe, die auf den ursprünglichen, massenproduzierten und idealisierten Darstellungen von Frauen beruht, stellt diese in einen glaubhafteren realen Raum und lässt uns deren Platz als blosse Dekoration im Heim und die Beziehung zu deren Körper neu überdenken.
Benannt nach den originalen Figurinen, nach denen sie geschaffen wurden, erweisen diese Werke dem Erfolg der Bone China Figurine in jüngster Vergangenheit alle Ehre, während gleichzeitig auf das Absurde der Pose und des Kostüms in ihrer standardisierten Darstellung von Frauen hingewiesen wird.

Statement Künstlerin

Ich arbeite mit einer Vielzahl von Materialien, von Porzellan und Farbe bis hin zu Marmor und digitalen Collagen. Meine Praxis basiert auf einer langjährigen Erforschung der sich ständig verändernden Beziehung zwischen dem Körper und dem Raum/den Dingen um ihn herum.
Wie wir die Welt um uns herum betrachten, berühren, wahrnehmen und uns in ihr bewegen, bestimmt die Form unseres Körpers, und umgekehrt bestimmt die Form unseres Körpers, wie wir den Raum und die Dinge um uns herum interpretieren. Da technologische Fortschritte im Alltag zunehmend die Art und Weise verändern, wie wir die Welt betrachten und erleben, verändern sich auch die Definitionen des Körpers, während sie gleichzeitig scheinbar untrennbar mit traditionellen Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Grenzen verbunden sind.
Inspiriert von verschiedenen Sichtweisen und damit auch unterschiedlichen Arten des Wissens arbeite ich mit Fundstücken, gesammelten Bildern und Wissenssystemen, um diese Definitionen neu zu interpretieren. Meine Praxis ist teils Bewältigungsmechanismus, teils Lernstrategie und teils Vorschlag für eine alternative Form unserer Wahrnehmung der Dinge. Sie erforscht den Raum zwischen Sehen und Berühren und die Auswirkungen, die diese Arten der Wahrnehmung aufeinander haben.
Meine Praxis ist prozessorientiert und basiert auf der grundlegenden Fehlbarkeit des Körpers und den Arten von Wissen, die durch Fehler und Unerfahrenheit sowohl beim Schaffen als auch beim Verstehen und bei den Methoden des Teilens entstehen können. Ich interessiere mich besonders für die Fehlbarkeit der Beobachtung und die Kluft zwischen dem Gesehenen und dem Gefühlten, dem Visuellen und dem Taktilen. Für mich ist dies der Raum, in dem sich meine Skulpturen und vielleicht alle Skulpturen befinden – als etwas, das zwischen und unter dem Körper und den Objekten geschieht, als Teil von beiden, aber weder ganz das eine noch ganz das andere.
Um diesen Raum zu gestalten, ziehe ich es vor, wo immer möglich von Hand zu arbeiten, da dies dem Betrachter den Entstehungsprozess des fertigen Objekts offenbart und die beschreibende Qualität der Oberfläche fast performativ werden lässt. Meine Arbeit untersucht die Räume zwischen Schöpfer und Betrachter, Objekt und Bild, Hintergrund und Vordergrund, Digitalem und Analogem – unbestimmte Räume, in denen oft die interessantesten Dinge geschehen. Fehler offenbaren Lücken zwischen Wissen und Handeln, zwischen Herstellen und Betrachten, und eröffnen einen Dialog, der einen Zugang zu Themen ermöglicht, den makellose Ergebnisse nicht bieten. An den Stellen, an denen Fehler auftreten, kann der Betrachter den Körper des Herstellers sehen, und der Hersteller kann sich (vielleicht unbeabsichtigt) sehen lassen.

Biografie

  • Jessica Harrison wurde 1982 in St Bees, Großbritannien, geboren. Sie lebt und arbeitet in Edinburgh, Schottland. Harrison schloss 2013 ihr Studium an der Universität Edinburgh mit einem praxisorientierten Doktorat in Bildhauerei ab, das vom Arts and Humanities Research Council finanziert wurde. 2015 war sie Artist in Residence am European Ceramic Workcentre in den Niederlanden, wo sie 2017 für einen zweiten Aufenthalt zurückkehrte.
    Im Jahr 2017 wurde Harrison von der Jerwood Charitable Foundation beauftragt, eine Installation für die Ausstellung Jerwood Makers Open zu schaffen, die 2017 und 2018 durch Großbritannien tourte.
    Sie hat ihre Arbeiten weltweit in Ausstellungen gezeigt, darunter «The Precious Clay: Porcelain in Contemporary Art» im Museum of Royal Worcester, Großbritannien; «Dismaland», kuratiert von Banksy, Weston-Super-Mare, Großbritannien; «Broken», Jupiter Artland, Edinburgh; «FLASH», Galerie LJ, Paris; «CERAMIX», Bonnefanten Museum, Maastricht, in Zusammenarbeit mit Sèvres, Cité de Céramique; «Between Poles and Tides», Talbot Rice Gallery, Edinburgh; «Figuriens Fortællinger», Museum of Ceramic Art Denmark; «Urnen», European Ceramic Workcentre, Oisterwijk; «Un Bal Masqué. XVIIE Sièle at art Contemporain, Le Chateau de Nyon; Sexy Ceramics, Keramiekmuseum Princesshof, Leeuwarden; und Body & Soul; contemporary international ceramics, Museum of Art and Design, New York.

Werke in öffentlichen Sammlungen

  • Princesshof Ceramic Museum, Netherlands
  • The University of Edinburgh Art Collection, Scotland
  • Pallant House Gallery, UK
  • The Royal Scottish Academy, Scotland
  • The New Art Gallery Walsall, UK
  • Musée Ariana, Genève, CH