Stephen Benwell (AUS), Pippin Drysdale (AUS), Ken Eastman (UK), Laure Gonthier (CH), Hermann Grüneberg (DE), Myung-Joo Kim (KR), Brigitte Pénicaud (FR), Laurin Schaub (CH), Isabelle Schick (CH), Paul Scott (UK), Naoki Takada (JP), Akio Takamori (JP/USA), Lena Takamori (USA/UK), Masamichi Yoshikawa (JP)
Ausstellungstitel sind ein Bestandteil, wenn ich mich mit der Planung einer thematischen Ausstellung beschäftige. Sie setzen den Rahmen bei der Suche nach Werken, die meiner Idee und meiner Absicht entsprechen. Regelmässig ändert während der Entwicklung des Ausstellungsprojektes der Titel, weil der ursprünglich gewählte die Auswahl der Werke zu sehr einschränkt. So auch diesmal: _paysages inconnues_ gefiel mir zwar von der Melodie her, war mir aber schliesslich zu sehr nur auf _Landschaft_ fokussiert, je mehr ich mir bewusst wurde, was mich am Thema interessiert und was ich zeigen will.
PLACE kann sowohl mit _Platz_, _Ort_, _Standort_ als auch mit _Stelle_ übersetzt werden. Bei der Wahl der in der Ausstellung gezeigten Werken interessierte mich ihre nicht eindeutige, unbestimmte Verortung, verbunden mit den Fragen: Hat diese Verortung etwas damit zu tun, in welchem Umfeld der Künstler lebt und arbeitet? Welchen Einfluss hat der Ort des Schaffens auf das Werk? Können die ausgestellten Werke in der Kunst verortet werden?
Die Ausstellung UNKNOWN PLACES vereint Werke von vierzehn Keramikerinnen und Keramikern, die sich auf unterschiedlichste Art mit dem Thema beschäftigen.
Das Werk von Stephen Benwell (*1953, Australien) umfasst Keramiken, Zeichnungen, Arbeiten auf Papier und Gemälde. Obwohl er keine formale Ausbildung in Keramik hat, bildet dieses Medium die Grundlage seiner künstlerischen Praxis. In seinem Werk verbindet er die keramischen mit den malerischen und bildhauerischen Anliegen des zeitgenössischen Künstlers. In den ausgestellten Werken verschmelzen kunsthistorische Einflüsse und seine Liebe für die Länder des Mittelmeerraumes, insbesonere für Italien.
Pippin Drysdale (*1943, Australien) wurde durch einen Flug über das Gebiet der Tanami-Wüste in Nordwest-Australien zu ihrer sinnlichen Reihe von Gefässen inspiriert. Die Eindrücke und Empfindungen, die sie von dieser Reise zurückbrachte, spiegeln sich in ihren Gefässen der Tanami-Series wieder. Heute sind auch andere Landschaften oder Korallenriffe Inspirationsquellen für die Künstlerin. Ihre Werke sind geprägt von den Farben Australiens und der Kunst der Aboriginals.
Ken Eastman (*1960, England) schafft faszinierende, facettenreiche Werke. Variationen von Textur und Glätte ergänzen sich, naturalistische Formen gehen in kantige architektonische Linien über. In seinen Werken finden sich die Eindrücke der Landschaft und der Gebäude wieder, die Ken Eastman auf seinen Fahrradtouren in der Umgebung seines Wohnortes in der Grafschaft Herefordshire, die für ihre malerische Landschaft mit sanften Hügeln und üppigen grünen Feldern bekannt ist, sammelt.
Laure Gonthier (*1983, Schweiz) befasst sich mit der Transformation von Material und Erinnerung. Nach einem Aufenthalt in den verschneiten Landschaften Spitzbergens in Norwegen entstand die Skulptur der Werkgruppe „Peau de glace“ (Eishaut), die an die verschwommenen Konturen der Gischt und die Schärfe des Eises erinnert. Fasziniert von Steinbrüchen, entnahm Laure Gonthier Ausschnitte aus einer Landschaft, um sie in einen neuen Kontext zu übertragen, wie bei den Arbeiten _Artifice IX_ und _Artifice XI_, die als Teil der Werkgruppe _La tendresse des pierres_ 2015 entstanden sind.
Mit provokativer Leichtigkeit wechselt Hermann Grüneberg (*1983, Deutschland) zwischen dem Heiligen und Profanen, kreuzt kunsthistorische, massenmediale sowie interkulturelle Versatzstücke und beweist meisterhaft, dass die Keramik kein vermeintlicher Randbereich in der freien Kunst ist. Auf den Wandtellern – heute gemeinhin Ausdruck spiessbürgerlicher Heimeligkeit – beginnen die vermeintlichen Idyllen zu bröckeln. Ihr Kosmos ist belebt von düsteren bis zu unheilabwehrenden Gesichtern, anspielungsreichen Landschaften, weltentrückten Mischwesen und religiösen Figuren, die in einem symptomatischen Verhältnis zur Gesellschaft stehen. 1
Die von Myung-Joo Kim (*1973, Südkorea) geschaffenen anthropomorphen Pflanzen und Formen erforschen die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur und erinnern uns an die Lebenskraft, die von innen kommt. Die Pflanzen in Kims Werken sind keine Abbilder der Natur, sondern verkörpern visuell die Prozesse des Lebens und der Selbstbetrachtung, die aus den inneren Erfahrungen und Überlegungen der Künstlerin stammen. Die Verortung von _Homme plante II_ und _Blue pulse_ findet gedanklich statt.
Der gestische Ausdruck ist das Hauptmerkmal der Werke von Brigitte Pénicaud (*1954, Frankreich). Ihre Schalen dreht sie auf der Scheibe, wobei sie die Spuren der Hand absichtlich stehen lässt und danach in einem spontanen und heftigen Akt die ebenmässige zu Gunsten einer individuellen und befreiten skulpturalen Form verändert. Mit dem gleichen gestischen Duktus überarbeitet und vervollständigt sie die Oberflächen mit einer expressiven Malerei, deren Motive aus ihrer Umgebung und ihrem Alltag in Zentralfrankreich entspringen.
_Landscape_ von Laurin Schaub (*1984, Schweiz) ist eine Serie von Porzellangeschirr-Objekten. Wie Inseln bilden sie kleine geschlossene Landschaften auf dem Tisch. Ihre Verwendung ergibt sich nicht von selbst aus ihrer Form; erst die Zuschreibung ihrer Funktion macht sie zu einem Gefäss. Auf diese Weise stossen sie an die Grenzen der Funktionalität und hinterfragen die Rolle und den Wert von Alltagsgegenständen des täglichen Gebrauchs. 2
Isabelle Schick (*1958, Schweiz) wohnt seit ein paar Jahren in der Nähe des Greyerzersees, umgeben von einer sanften Hügellandschaft. In den umliegenden Gewässern liegen gerundete Flusssteine, die durch das Wasser geschliffen wurden. Diese weichen Formen finden wir als Nachhall in den Plastiken der Keramikerin wieder. Die poetischen Titel und Texte, die Teil der Werke sind, lenken die Aufmerksamkeit von der reinen Landschaftsbetrachtung hin zu einer körperlich-sinnlichen Wahrnehmung und Erfahrung.
Im Laufe der Jahre hat Paul Scott (*1953, England) mit seinen Werken an eine Reihe von Themen erinnert und sie untersucht, von der Maul- und Klauenseuche bis hin zu den Auswirkungen der Energiegewinnung auf unsere Umwelt. Er hat Atom- und Kohlekraftwerke oder Windturbinen in Landschaften eingefügt und Bohrinseln in unberührte arktische Gegenden gestellt. Paul Scott verwandelt altes, fabrikgefertigtes Geschirr mit subversiver Bildsprache, die zu einer erneuten Betrachtung anregt. Er verändert die detaillierten Szenen, löscht sie teilweise aus und fügt neue hinzu, wodurch die Bilder gebrochen und für eine zeitgenössische Welt neu kalibriert werden.
Seit früher Zeit ist Japan für verschiedene Kunstformen der Naturanbetung bekannt. Die Keramiken von Naoki Takada (*1974, Japan) ahmen japanische Berg- und Gletscherlandschaften in Miniaturform nach. _Bonzan_ ist eine Berglandschaft, die auf einem Tablett oder einem Sockel dargestellt wird. Naoki Takada will mit seinen archaisch anmutenden Werken auf die erhabene Schönheit der Berge hinweisen. Die Verwendung des Tons anstelle von Stein ist für ihn entscheidend, weil er damit das Ursprungsmaterial der Gebirgsbildung nutzt. Er sieht darin ein modernes, sich entwickelndes _Bonzan_ und versucht, es wiederzubeleben.
Von Akio Takamori (1950 – 2017, Japan/USA) kennen wir Darstellungen des Menschen in all seiner Einzigartigkeit und Vielfalt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere umgab er seine Figuren mit eigenartigen, dunstverhangenen Bergen oder Inseln, die einen klaren Bezug zur traditionellen chinesischen und japanischen Landschaftsmalerei in Tusche aufweisen. Im Orient sind Berg und Wasser als gegensätzliches und zugleich ergänzendes Begriffspaar untrennbar miteinander verknüpft und bilden zusammen die Hauptelemente der Landschaft. Das Wasser und die Erde, die dem Berg entstammt, sind auch die Grundbestandteile der Keramik. Die Landschaften Akio Takamoris auf eine blosse Transposition der orientalischen Malerei reduzieren zu wollen, wäre zu kurz gegriffen. Der Bildhauer entwickelt eine ganz persönliche Ausdrucksweise und schlägt damit eine Brücke zwischen der japanischen Kultur seiner Kindheit und dem Westen, wo er während vieler Jahre bis zu seinem Tod lebte. 3
Lena Takamori (*1990, USA/England) findet die Inspiration für ihre Werke im Alltag. Bei _Cloud_ interessierten sie die Fingerabdrücke und das Gefühl der Bewegung. Schliesslich wurden die Fingerabdrücke zu Regen, da sie sich an einen Sommertag erinnerte, an dem sie Regenwolken über ein Gewässer ziehen sah. Als Weiterführung dieser Idee entstand _Mountain and Cloud_. Lena Takamoris Landschaften und Baumgruppen laden die Betrachtenden ein, in Gedanken in die Räume einzutreten, sie zu begehen und zu erkunden und so eine – wenn auch imaginäre – Erfahrung zu erleben.
Masamichi Yoshikawa (*1946, Japan) arbeitet ausschliesslich mit Porzellan und entwickelt mitunter imposante Werke, die Raum, Farbe und Textur einbeziehen und eine Mischung aus Ruhe und Spannung ausstrahlen. Fasziniert von der Beziehung zwischen Volumen und Leere und inspiriert von Tempeln und Schreinen ist er für seine oft architektonischen Formen bekannt. Diese sind mit einer transparenten Seihakuji-Celadon-Glasur überzogen, die an einen wolkenlosen Himmel oder an einen Gletscher erinnert. Für Yoshikawa Masamichi ist der Akt des Schaffens wie ein Gebet. Nach den Worten des Künstlers müssen sie _ein Ort des Willkommens und des Wohlwollens für den Kami, den Geist, der sie bewohnt_ sein.