Körper und Seele
Im Laufe der Jahre hat Gundi Dietz ihre Werke, welche sowohl eine allgemeingültige Idee wie eine persönlich geprägte Urheberschaft zeigen, immer mehr auf ihre Grundsubstanz reduziert. Ihre Geschöpfe sind stets mehr als nur Abbild und niemals naturalistische Nachbildung. Sie zeigen das Erleben, Wissen und Erkennen, Verstehen und Interpretieren von kulturellen und individuellen Erfahrungen der Künstlerin. Gundi Dietz beschäftigt sich mit einer Welt, in der Raum und Zeit nicht völlig zum gegenwärtigen Moment gehören, sondern auch Teil von Vergangenheit und Zukunft sind. Wir nehmen in ihren Werken Stimmungen wahr, die sich ausserhalb der Zeit befinden.
Gundi Dietz wurde in Wien geboren. Nach einem Erststudium, bei dem sie sich zur Modedesignerin ausbilden liess, schloss sie 1969 ihr Studium der keramischen Plastik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien ab und besuchte anschliessend während eines Jahres die Meisterklasse für Gestaltungslehre. 1982 folgte in Berlin und Los Angeles eine Ausbildung zur Maskenbilderin. Seit 1973 arbeitet Gundi Dietz freischaffend in regelmässig wechselnden Ateliers. Der Wechsel von einem Atelier in ein nächstes war und ist für Gundi Dietz stets unabdingbar und eng verknüpft mit der Veränderung und künstlerischen Erneuerung und Erweiterung ihres Werkes.
Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit nutzt Gundi Dietz neben Metall und Stein zur Hauptsache das in der Gegenwartskunst als künstlerisches Medium marginalisierte Porzellan für ihre künstlerische Auseinandersetzung. Dabei kann sie alle Formate umsetzen: vom winzigen Netzuke und der aussergewöhnlichen, in allen Farben schillernden Käferkollektion über Plastiken in Grössen, die für frei geformte Porzellankunstwerke technisch wie formal einzigartig sind, bis hin zu Skulpturen in Marmor, Bronze, Aluminium oder Zementguss. Die ausserordentliche Qualität im Hinblick auf Klarheit, Luzidität, Glanz und hautähnlicher Seidigkeit der Oberflächen macht das spröde und äusserst schwierig zu bearbeitende Porzellan für sie zum bevorzugten Material für die Umsetzung ihrer künstlerischen Überlegungen. Die Art und Weise der Formfindung mittels Porzellan, das Nichtvorhersehbare und das Risiko, das Experimentelle und das Offene des Arbeitsprozesses sind für sie entscheidend und stellen eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Das Arbeiten mit dem Werkstoff Porzellan, der kaum Korrekturen zulässt und dessen endgültiges Erscheinungsbild, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, erst im Feuer erhält, verlangt von der Künstlerin Virtuosität im Umgang mit dem Material, grosse Konzentration und ein durch unzählige Experimente und langjährige Erfahrung verfeinertes Vorstellungsvermögen.
Die beseelten Figuren von Gundi Dietz zeigen eine stete Ambivalenz und eindringliche Präsenz. Sie wirken kraftvoll und verletzlich, in sich ruhend und triebhaft, heiter und abgründig, anziehend und irritierend, sind dinghaft und doch nicht fassbar. Und so wie sie Haltung zeigen, stark und vital, selbstbewusst und eigenwillig, meint man eine Verwandtschaft zur Künstlerin zu erkennen, die über die Urheberschaft hinausgeht. Jede Figur ist Unikat. Form, Proportionen und Details sind gleichermassen stimmig wie originell und beweisen die aussergewöhnliche Meisterschaft im Umgang mit dem Material und in der Umsetzung der künstlerischen Absicht. Gundi Dietz arbeitet gegen das Gefällige. Schön und hässlich, abstoßend oder anziehend sind für sie nicht klar und einfach zu trennen. Jedes Wesen ist beides, hat seine Würde und seine Wunden.
Die Figuren von Gundi Dietz können philosophisch und als subtile Schilderung realer Befindlichkeit, aber auch als Zeugen einer persönlichen Traumwelt verstanden werden. Die Künstlerin thematisiert in ihrem Werk die Suche des Menschen nach Spiritualität und Transzendenz als auch die unwiderrufliche Einsamkeit der menschlichen Existenz. Den Blick nach Innen gerichtet oder in weite Fernen, entziehen sich die Figuren einer direkten Kontaktnahme und Vereinnahmung und bewahren ein immerwährendes Geheimnis. Sie vermitteln ein Wechselspiel zwischen überindividuellem Bild und schonungloser Spiegelung, Intellekt und Emotion, Seele und Körper, meditativer Stille und erstarrter Bewegung, Verlorensein und Stärke. Gundi Dietz hebt das Menschliche wie das Göttliche, das Instinktive wie das Erhabene im Menschen hervor. Es ist ihr grosses Können und ihre ausserordentliche künstlerische Sensibilität, die beides verbindet: das Fleischliche und das Geistige, Materialität und Immaterialität.
Hanspeter Dähler
Biografie
- 1942 geboren in Wien, Österreich
- 1966–69 Studium der keramischen Plastik, Hochschule für Angewandte Kunst, Wien
- 1969–70 Meisterklasse für Gestaltungslehre
- seit 1973 freischaffend
- 1982 Ausbildung zur Maskenbildnerin in Berlin
Auszeichnungen
- 1982 Preis des Landes Niederösterreich
- 1983 Preis der Stadt Wien
- 1993 Silberne Ehrennadel des Landes Niederösterreich
- 2001 Verleihung des Berufstitels «Professor» im Wiener Bundeskanzleramt
- 2001 Silberne Ehrennadel, Maria Enzersdorf
- 2007 Grand Prix World Exhibition for Miniatur Ceramics, Zagreb
- 2009 Goldene Medaille Künstlerhaus Wien
Ausstellungen (Auswahl)
- 1975 Galerie am Graben, Vienna (A)
- 1979 Tiffani, New York (USA)
- 1981 Gallery Terracotta, Groningen (NL)
- 1982 Galerie Schneider, Freiburg (D) / Galerie am Graben, Vienna (A) / Galerie am Neumarkt 17, Zürich (CH)
- 1985 Ankrum Gallery, L.A. (USA)
- 1997 Galerie bei der Albertina, Vienna (A) / Galerie KOV, Zürich (CH)
- 2001 Landesgalerie-Schloß Mondsee (OÖ) (A)
- 2002 Galerie Menotti, Baden (A)
- 2005 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Ferrin Gallery, Lenox MA / SOFA, NY ( USA) / Tong-In Gallery, Seoul (KR)
- 2007 Galerie Elisabeth Michitsch, Vienna (A)
- 2008 Galerie Chiz, Pittsburgh, USA / Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Museo MAC Arte
Contemporaneo Santiago (CL) - 2009 Galerie Arte Espazio, Santiago (CL)
MACRO Museum of Contemporary Art, Rosario (RA) - 2011 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Galerie Progress Belgrad (SRB)
- 2013 Parc du Musée de Carouge (CH) / Galerie Espace Diamono, Carouge (CH) / Art Room Würth Böheimkirchen (A)
- 2014 Museu del Cantir Argentona Barcelona (ES)
- 2015 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Kammerhofmuseum Gmunden (A)
- 2016 Musée Ariana Genf (CH)
Gruppenausstellungen (Auswahl)
- 1975 Künstlerhaus, Wien (A)
- 1979 Keramik Museum, Budapest (HU)
- 1980 Museum Applied Arts, Wien (A)
- 1981 Galerie van Boehlen, Amsterdam (NL)
- 1983 Art Basel (Galerie Lang, Wien (A)
- 1989 Konfrontationen (Messepalast, Vienna (A)
- 1990 Keramion, Frechen (D)
- 1991 Configura, Erfurt (D)
- 1993 Künstlerbunker, Leverkusen (D)
- 1995 EDO, Paris (F)
- 1996 Museum of Contemporary Art, Taipeh (TW) / Prefectural Art Museum, Saga (J)
- 1998 Galerie Marianne Heller, Heidelberg (D)
- 1999 Galerie Kunstforum Kirchberg (CH) / European Ceramic, Nottinghampshire (GB)
- 2000 Galerie Kunstforum Kirchberg (CH) / Keramion, Frechen (D) / Galerie Heiligenkreuzerhof, Vienna (A) / Stadtmuseum, Györ (HU)
- 2001 Biennale, Icheon-Museum (KR)
- 2003 Künstlerhaus Wien (A) / Galerie Ingrith Desmeth, Heule (B) / Galerie Kunstforum Kirchberg (CH) / Biennale, Icheon-Museum (KR)
- 2004 Landesmuseum, St/Pölten (A)
- 2005 Biennale, Icheon (KR)
- 2006 AIC Exhibition, Riga (LV)
- 2007 Galerie Kunstforum Solothurn (CH)
- 2008 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Galerie Artworks, Antwerpen (B) / Biennale Exibition Xi‘an (CN) / Lineart Gent (B)
- 2009 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Galerie van Campen & Rochtus, Antwerpen (B) / Museum Bellerive, Zürich (CH)
- 2010 Galerie Kunstforum Solothurn (CH) / Musée national de Céramique, Sévres (F)
- 2012 Reflection, Kunstforum Solothurn@station8, Zuzwil (CH) / New Mexico Museum of Arts, Santa Fe (USA) / Projekt Wasserskulpturen, Mödling (A)
- 2014 AIC Exhibition, Dublin (IRL) / European Ceramic Context Bornholm (DK)
- 2015 Augartenmuseum Wien (A)
- 2017 Mittaka City Gallery of Art, Tokio (J)
- 2018 objects in mirror are closer than they appear / heads & busts, Galerie Kunstforum Solothurn (CH)
Werke in öffentlichen Sammlungen
- Museum für angewandte Kunst, Wien / Cooper Hewitt, New York / Kunstgewerbemuseum, Prag / Federico Fellini Center, Rom / Mary Guggenheim, Paris / Herbert von Karajan Center, Wien / Museum of Contemporary Art, Seoul, Korea / Grace Kelly Foundation, Monaco / Musée Ariana, Genf / Museum der Niederösterreichischen Landesregierung / Choson Royal Museum, Kwangju, Korea / Universität für angewandte Kunst Wien, Die Sammlung / Prefectural Art Museum, Saga, Japan / Museum of Contemporary Art, Taipeh, Taiwan / Gaolin International Artmuseum, Jingdezhen, China / ASU Art Museum, Arizona, USA