Der Körper der Seele
Formen aus Steinzeug und Porzellan lösen sich auf, Gesichter verschwinden, Emailfarben verschmelzen zu glühendem Regen; das Keramikuniversum von Myung-Joo Kim widersetzt sich dem Rationalen und lädt uns stattdessen ein, ins Unbekannte abzugleiten, in das Geheimnis des Seins. Durch eine feinfühlige Modellierung der Tonerde mit Fingern und Handflächen fängt sie ein, was eigentlich ungreifbar ist: die menschliche Seele und ihren Schmerz. Dabei strebt sie immer nach der Wahrheit, indem sie ihre eigenen Methoden entwickelt, indem sie Masse und Glasur ganz zufällig verschmelzen lässt, kontrolliert und unkontrolliert zugleich. Dass es eine Seele gibt, kann jeder Mensch spüren, aber was sie ist, können wir nicht erfassen. Wie kann man etwas begreifen, das eigentlich nicht wahrnehmbar ist, etwas enthüllen, das unbeschreiblich ist? Auch wenn die Malerei und die Skulptur das immer wieder versucht haben, bleibt die Beschäftigung mit der Seele eher Musikern oder Dichtern vorbehalten. Deren Kunst kommt ohne Umrisse aus, ohne Identifizierbares und Erkennbares, genauso wie die Zeit. Sich wie im Traum bewegend wagt sich Myung-Joo Kim in dieses Gebiet vor, dem Formlosen gibt sie eine materielle und oft gar barocke Gestalt, sie fängt die innere Bewegung ein, die Aufregung, die uns antreibt, das Tier, das in uns wohnt, und auch die Natur wird spürbar, wenn sie Bäume dem menschlichen Körper annähert. Die Seele, das Animistische und das Tierische können in den asiatischen Kulturen zusammen gedacht werden. Die Seele gehört zur Transzendenz und zum Geheimnisvollen. Der Keramikerin geht es nicht darum, dieses unvorstellbare, mystische und ungreifbare Etwas zu malen oder zu formen, sondern nur darum, dessen Existenz spürbar zu machen. Myung-Joo gibt ihr eine physische Gestalt, damit wir sie in ihrer permanenten wechselseitigen Beziehung mit dem Körper sehen und fühlen können. Vage menschliche Figuren zeichnen sich durch die Tonerde ab und die Spitzen und Güsse aus buntem Email auf kräftigem Weiss werfen ebenso vage Stimmungen, Blut, Tränen auf … zumindest kann man sie erahnen. Es liegt eine Abwesenheit in diesen organischen Figuren, die das Räderwerk des Schmerzes und des Leidens durchlaufen zu haben scheinen und dabei doch menschlich bleiben. Auch wenn die Augen in den Windungen dieser kleinen unförmigen Massen beinahe verschwinden, erkennt man darin einen Blick. Eine Verwandlung bahnt sich an. Eine Krümmung, eine Neigung erinnern an einen Rücken, eine Schulter. Manchmal glaubt man in der Glasur zahlreiche kleine Köpfe zu erkennen, die doch nicht greifbar sind. Die Künstlerin erschafft auch kleine verkümmerte Figuren, die einsam umherirren. Wie bei Louise Borugeois, die ebenfalls gepeinigte Körper dargestellt hat, findet auch in dieser Arbeit keine Psychologisierung statt. Myung-Joo entfernt sich ganz bewusst von jeglichem Ausdruck von Gefühlen. Das Abbilden von Verzweiflung, Angst, Trauer, Verlassenheit und Einsamkeit gibt diesen Figuren eine grosse Wahrhaftigkeit. In der Darstellung eines Kopfes, der bereit ist, sich einem anderen anzunähern und sanft mit ihm zu verschmelzen, liegt tiefste Menschlichkeit, in der die Liebe auch im Scheitern des Seins nicht ganz verblasst. Myung-Joo Kim wurde 1973 in Korea geboren. Mit 18 Jahren beginnt sie Keramikskulptur an der Hongik-Universität in Seoul zu studieren. Über die traditionellen Techniken hinaus wird sie ermutigt, ihre eigene Sprache zu entwickeln. Ihr Geld verdient sie mit am Computer designten Bildern, aber für ihre eigene künstlerische Arbeit bevorzugt sie den Bleistift. Damit kommt sie leichter von der Zeichnung zu einer räumlichen Form und ist näher an dem, was sie fühlt, an ihrer Unruhe und ihren Gefühlen. Auch heute gehen ihren Skulpturen immer Zeichnungen voraus. 2001 zieht sie aus persönlichen Gründen nach Paris, wo sie in einem sehr kleinen Atelier während mehreren Jahren poetische Figuren herstellt. Diese schaffen mit ihren Tierkörpern, Menschenköpfen und Pflanzenhaaren eine ungewöhnliche Synthese aus europäischer Kultur und asiatischem Animismus. Die Zeit in Paris ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zu ihrem träumerischen Universum, in dem sie ihre eigenen Vorstellungen entwickelt. 2018 beginnt sie nach einem Aufenthaltsstipendium in Shigaraki in Japan einen Master an der École nationale supérieure des Arts visuels in Brüssel. Während dieser Zeit entwickelt sie sich künstlerisch noch einmal weiter und wird endgültig zu einer grossen Künstlerin, die ihre Mittel und Methoden perfekt beherrschtund sich auch von ihren eigenen Träumen inspirieren lässt. 2013 wird sie am Parcours Céramique Carougeois mit dem Preis des Musée Ariana ausgezeichnet und das Museum erwirbt in der Folge auch eine ihrer Skulpturen. Seit einigen Jahren lebt die Künstlerin wieder in Korea, wo sie ihre Arbeit noch weiter verfeinert hat. Das Universum von Myung-Joo Kim nimmt in der zeitgenössischen Keramik zweifelsohne eine einzigartige Stellung ein.
Carole Andréani
Biografie
- Geboren in Daejeon, Südkorea, arbeitet in Paris und Daejeon.
- Mitglied der Maisons des Artists en France.
- Mitglied der I.A.C (International Academy of Ceramics), Genf, Schweiz.
Ausbildung
- M.F.A in Arts plastiques, visuels et de l’espace, Ceramic (Grande distintion),
- École Nationale Supérieure des Arts Visuels de La Cambre, Brussels, Belgium
- B.F.A in Ceramics, College of Fine Arts, Hong-ik University, Seoul, Korea
Auszeichnungen, Stipendien
- 2021, Fund for korean art abroad 2021–2022, Korea Arts Management Service (KAMS), Korea
- 2014, First Prize (Jury Award), Ceramic 14, Ceramic Salon of Contemporary Art, Paris, France
- 2014, laureate «Les Coups de Coeur des Amis de la Cambre» Brussels, Belgium
- 2013, Prix ARIANA, ARIANA Museum, Geneva, Switzerland
- 2009, Public Award, Ceramic 14, Ceramic Salon of Contemporary Art, Paris, France
- 2009, Silver Quentin, TERRALHA Contest of European Ceramic Festival, St-Quentin la Poterie, France
Öffentliche Sammlungen
- National Museum of Modern and Contemporary Art, Artbank (국립현대미술관 미술은행)
- ARIANA Museum, Geneva, Switzerland
- Beijing Guozhong Ceramic Art Museum, China
- Museum of contemporary Ceramic Art, Shigaraki, Japan
- Arctic Ceramic Centre, Posio, Finland
- Ecole Nationale Supérieure des Arts Visuels de la Cambre, Belgium
Einzelausstellungen
- 2024 «Transitions» Kunstforum Solothurn, Switzerland
- 2024 «Au bord de l’infini» P21, Seoul, Korea
- 2023 «Subito p – Immersion» The One Piece of Art, ARTBN, Seoul, Korea
- 2023 «La nuit transfigurée» Hori Artspace, Seoul, Korea
- 2022 «Miroir de joie» Salle basse de la Crypte Rostropovitch, Beauvais, France
- 2022 «EOLGUL-Visages» Vazieux Art Gallery, Paris, France
- 2022 «Terre de l’Âme» Kunstforum Solothurn, Solothurn, Switzerland
- 2019 «Playing Blind» Art Lounge, Temi Artist Residency, Daejeon, Korea
- 2019 «Yesterday Kafka» Window Gallery Meme, Seoul, Korea
- 2018 «FLOWING» Gallery Meme, Seoul, Korea
- 2017 «Secret Faces» Ceramic lookie, ClayArch Gimhae Museum Cubic house, Korea
- 2013, C’Bos, 13th Carougeois Ceramic Trail, Carouge, Switzerland
- 2011, Talents Opéra, Ateliers d’Art de France, Paris, France
- 2010 «Thinking or Dancing» Circuits Céramiques (A.I.C), Territoires en movement, Galerie Ph.Gelot, Paris
- 2008 «Hushigino morino sasayaki» Galerie Maronié Kyoto, Japan
- 2008 «La Forêt et les étrangers» Galerie Ph.Gelot, Paris, France
- 2007 «Mes mains murmurent ma terre…» Galerie Ph. Gelot, Paris, France
- 2004 «Peintures sur faïence» Galerie Ph.Gelot, Paris, France
Gruppenausstellungen (Auswahl)
- 2025 «고독; 문이 닫히고, 또 다른 문이 열릴 때» LEEUNGNO Museum, Daejeon, Korea
- 2025 «Unknown places» Kunstforum Solothurn, Solothurn, Switzerland
- 2025 «Vivant et en devenir» Delta, Namur, Belgium
- 2025 «Eyes Reflecting The World: Works from Mr. Jinyoung Kim Collection» 뉴스프링프로젝트, Seoul, Korea
- 2024 «Liberté conditionelleI», Musée Ariana, Geneva, Switzerland
- 2024 «…und hätte ich der Liebe nicht… II», Kunstforum Solothurn, Solothurn, Switzerland
- 2024 «TRACES AND THREADS», KÖNIG Seoul, Korea
- 2024 «Wonderful!Colorful!»,Centre culturel Ter Dilft, Bornem, Belgium
- 2024 «In Constant Change I», Kunstforum Solothurn, Solothurn, Switzerland
- 2024 «Lucky Bubbles» ARTBN, Seoul, Korea
- 2024 «Happy Horiday», Hori Artspace, Seoul, Korea
- 2023 «Sillon-Itinéraire-Art-Drôme», Le Port cloche, Rochebaudin, France
- 2023 «Gisèle Buthod-Garçon Résonances», Galerie Terra Viva, St-Quentin la Poterie, France
- 2023 «FUNDUS» Kunstforum Solothurn, Solothurn, Switzerland
- 2022–2023 «The Uncanny World», Museum of contemporary Art Busan, Korea
- 2022 «Migrations», Musée Ariana, Génève, Switezerland
- 2021 «C14-Paris Salon de Céramique Contemporaine», Borne, France
- 2021 «Summer group show» Galerie Vazieux, Paris, France
- 2021 «Mouvement – Qualia» PLACEMAK2, Seoul
- 2021 «생명체 Lives » 정서진아트큐브, Incheon Seogu cultural fondation, Incheon
- 2020 «2020 IAC New Member Exhibition» Beijing Guozhong Ceramic Art Museum, Beijing, China
- 2020 «l’Exil» Galerie Vazieux, Paris, France
- 2020 «왼손의 움직임» Seoul Art Space Geumcheon, Seoul, Korea
Künstlerresidenzen
- 2022, Résidence Céramique à l’école d’art du Beauvaisis, France
- 2019, TEMI Artist Residency, Daejeon, Korea
- 2015–2016 ClayArch Gimhae Museum, Korea
- 2014, Symposium Artic Clay, Posio, Finland
- 2014, Stage avec l’artist Patrick Loughran, Paris, France
- 2010, A.I.R, Vallauris, France
- 2008, Ceramic Cultural Park, Shigaraki, Japan
Publikationen
- «Transfigured Night», Solo Exhibition with HoriArt Space, Seoul, 2023
- «Miroir de joie», Solo Exhibition after Artiste Residency of Ecole d’art du Beauvaisis, France, 2022
- «Playing Blind», Solo Exhibition with TEMI Artist Residency, Daejeon Culture and Arts Foundation, Korea, 2019
- «Secret Faces», Solo Exhibition with ClayArch Gimhae Museum, Korea, 2017
- «Reload», ClayArch Gimhae Museum, Korea, 2017
- «XXIVème Biennale international création contemporaine et céramique Vallauris 2016», France
- «Triennale des amis de la Cambre», ENSAV La Cambre, Belgique, 2016
- «Vivid Dream», ClayArch Gimhae Museum, Korea, 2016
- «Objectif Terre», 18ème Biennale internationale de Céramique de Châteauroux, France, 2015
- «All of Thease Are Made of Clay», 20 Years of the Artist in Residence Program, Edited by The Shigaraki Cultural Park, Japan, 2013
Artikel
- Ceramics Now – April 2022
- Monthly Ceramic Art (Korea) – April 2022
- Monthly Ceramic Art (Korea) – December 2018
- La Revue de la Céramique et du Verre (France) – N° 167, 168, 177, 193, 210, 224
- Atelier d’Art de France (France) – N° 82, 100, 119
- L’Objet d’Art (France) – N° 460