Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Darstellung von figurativen Wesen. Mein Blick schärft sich an Menschenbildern, Bewegungsabläufen, Eindrücken von Farben und Formen. Ich bin auf der Suche nach gelassener Schönheit und dem Sichtbarmachen innerer Befindlichkeit. Die aus Irritation und Brüchen entstehende Arbeit entwickelt sich stetig. Die Vision einer Figur muss bis in die letzte Phase der vielen verschiedenen Arbeitsvorgänge geplant und sorgfältig durchdacht werden. Zur Umsetzung kommt für mich als Werkstoff neben Ton in erster Linie Porzellan in Frage. Dieses weisse, unförmig glatte, zärtlich formlose Material regt mich auf und an und lässt meiner Phantasie freien Lauf. Während des langwierigen Arbeitsprozesses des Formens und Spannung Findens, Herausschälens und Sichtbarmachens entsteht eine Art luftleerer Raum zwischen mir und dem Gegenüber. Welches Lustgefühl, die Gedanken formend ins Material zu greifen! Es folgt eine fieberhafte Arbeitsphase, die jegliche andere Tätigkeit ausschliesst. Ich muss mich von der genauen Vorstellung lösen und befreien, sie brechen und zerstören, um sie exakter neu zu definieren. Es ist ein Prozess ständiger Klärung und ein Sichtbarmachen von geistiger Präsenz, Form und Spannung. Ich bin im Einklang mit meiner Arbeit, wenn sie nach dem Brand eine irritierende Verwunderung und Aufregung erzeugt und ein Kreuzungspunkt von Gegensätzen unerforscht bleibt.
Gundi Dietz
Im Laufe der Jahre hat Gundi Dietz ihre Werke, welche sowohl eine allgemeingültige Idee wie eine persönlich geprägte Urheberschaft zeigen, immer mehr auf ihre Grundsubstanz reduziert. Ihre Geschöpfe sind stets mehr als nur Abbild und niemals naturalistische Nachbildung. Sie zeigen das Erleben, Wissen und Erkennen, Verstehen und Interpretieren von kulturellen und individuellen Erfahrungen der Künstlerin. Gundi Dietz beschäftigt sich mit einer Welt, in der Raum und Zeit nicht völlig zum gegenwärtigen Moment gehören, sondern auch Teil von Vergangenheit und Zukunft sind. Wir nehmen in ihren Werken Stimmungen wahr, die sich ausserhalb der Zeit befinden.
Gundi Dietz wurde 1942 in Wien geboren. Nach einem Erststudium, bei dem sie sich zur Modedesignerin ausbilden liess, schloss sie 1969 ihr Studium der keramischen Plastik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien ab und besuchte anschliessend während eines Jahres die Meisterklasse für Gestaltungslehre. 1982 folgte in Berlin und Los Angeles eine Ausbildung zur Maskenbilderin. Seit 1973 arbeitet Gundi Dietz freischaffend in regelmässig wechselnden Ateliers. Der Wechsel von einem Atelier in ein nächstes war für Gundi Dietz stets unabdingbar und eng verknüpft mit der Veränderung und künstlerischen Erneuerung und Erweiterung ihres Werkes.
Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit nutzt Gundi Dietz neben Ton, Metall und Stein zur Hauptsache Porzellan als Medium für ihre künstlerische Auseinandersetzung. Dabei kann sie alle Formate umsetzen: vom winzigen Netzuke und der aussergewöhnlichen, in allen Farben schillernden Käferkollektion über Plastiken in Grössen, die für frei geformte Porzellankunstwerke technisch wie formal einzigartig sind, bis hin zu Skulpturen in Marmor, Bronze, Aluminium oder Zementguss. Die ausserordentliche Qualität im Hinblick auf Klarheit, Luzidität, Glanz und hautähnlicher Seidigkeit der Oberflächen macht das spröde und äusserst schwierig zu bearbeitende Porzellan für sie zum bevorzugten Material für die Umsetzung ihrer künstlerischen Überlegungen. Die Art und Weise der Formfindung mittels Porzellan, das Nichtvorhersehbare und das Risiko, das Experimentelle und das Offene des Arbeitsprozesses sind für sie entscheidend und stellen eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Das Arbeiten mit dem Werkstoff Porzellan verlangt von der Künstlerin Virtuosität im Umgang mit dem Material, grosse Konzentration und ein durch unzählige Experimente und langjährige Erfahrung verfeinertes Vorstellungsvermögen.
Die beseelten Figuren von Gundi Dietz zeigen eine stete Ambivalenz und eine eindringliche Präsenz. Sie wirken kraftvoll und verletzlich, in sich ruhend, heiter und abgründig, anziehend und irritierend, sind dinghaft und doch nicht fassbar. Und so wie sie Haltung zeigen, stark und vital, selbstbewusst und eigenwillig, meint man eine Verwandtschaft zur Künstlerin zu erkennen, die über die Urheberschaft hinausgeht. Jede Figur ist Unikat. Form, Proportionen und Details sind gleichermassen stimmig wie originell und beweisen die aussergewöhnliche Meisterschaft im Umgang mit dem Material und in der Umsetzung der künstlerischen Absicht. Gundi Dietz arbeitet gegen das Gefällige. Schön und hässlich, abstossend oder anziehend sind für sie nicht klar und einfach zu trennen. Jedes Wesen ist beides, hat seine Würde und seine Wunden.
Die Figuren von Gundi Dietz können als subtile Schilderung realer Befindlichkeit, aber auch als Zeugen einer persönlichen Traumwelt verstanden werden. Den Blick nach Innen gerichtet oder in weite Fernen, entziehen sie sich einer direkten Kontaktnahme und Vereinnahmung und bewahren ein Geheimnis. Gundi Dietz hebt das Menschliche wie das Göttliche, das Instinktive wie das Erhabene im Menschen hervor. Es ist ihr grosses Können und ihre ausserordentliche künstlerische Sensibilität, die beides verbindet: das Fleischliche und das Geistige, Materialität und Immaterialität.
Hanspeter Dähler, Kunstforum Solothurn, Februar 2026