Inner Landscapes
Meine Begeisterung ist immer ausschlaggebend, wenn ich mich dazu entscheide, das Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers in meiner Galerie auszustellen und zu vertreten. Das war auch bei Lena Takamori der Fall, und an meiner Begeisterung für ihre Werke hat sich bis heute nichts geändert. Zu meiner grossen Freude übertrug diese sich schnell auf die Besucher:innen ihrer Ausstellungen, so dass ihre Werke schon bald in private und öffentliche Sammlungen aufgenommen wurden.
Erstmals begegnet war ich Lena, der Tochter von Vicky und Akio Takamori, als ich 2017 nach Seattle reiste, um Akio Takamori an der für ihn stattfindenden Memorial Party die letzte Ehre zu erweisen. Während meines Aufenthaltes war ich immer wieder mit Vicky, Lena und ihrem Bruder Peter in Vickys Haus oder im Atelier von Akio. Dabei fielen mir zwei Holzschnitte von Lena auf, die mich sehr beeindruckten, und ein paar wenige keramische Arbeiten, die auf Anhieb mein Interesse und den Wunsch weckten, mehr sehen zu wollen. In den darauffolgenden Monaten unterstützte Lena ihre Mutter beim Katalogisieren der Werke von Akio Takamori und arbeitete gleichzeitig im Atelier ihres Vaters an keramischen Gefässen und Skulpturen. Sie versprach mir, mich über neu entstandene Werke auf dem Laufenden zu halten.
Lena Takamori hielt Wort, und folglich präsentierte sie 2020 in ihrer ersten Einzelausstellung _ Inner Landscapes_ Figuren und Landschaften in meiner Galerie. 2021 war sie mit den beiden Gefässen _Moss Landscape_ und _Soft White Landscape_ in der Ausstellung SHANGRI-LA vertreten. Ende 2022 eröffnete ich ihre zweite Einzelausstellung _The Shadow In My Mouth_, in der erneut Figuren und landschaftliche Formen zu sehen waren. 2023 zeigte sie in der Ausstellung ISLANDS OF DESIRE die Figur _Stepping Out Of Dress_ und 2025 in der Ausstellung UNKNOWN PLACES die beiden Landschaften _Mountain And Cloud_ und _Cloud_.
Mit dieser kurzen Übersicht ist das keramische Spektrum abgesteckt, in dem Lena Takamori arbeitet: Gefäss, Figur und Landschaftsdarstellung, wobei die Übergänge fliessend sein können; so weisen ihre liegenden und aufrechten Köpfe auch landschaftliche Aspekte auf, über die der Blick streifen kann, wie zum Beispiel bei _Ground_, _Waking_ oder _Sleeping With Dots_. Sie scheinen aus einer Ebene aufzusteigen oder mit ihr zu verschmelzen. In diesen Werken vereinen sich der emotionale Ausdruck einer Landschaft mit demjenigen des menschlichen Gesichts.
Die Inspiration für ihre Werke findet die Künstlerin sowohl in bestehenden Bildern wie Fotografien oder Gemälden, als auch im Alltag; vielfach sind Beobachtungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen Auslöser für ihre Werke. Lena Takamori nutzt ihre von Hand aufgebauten Gefässe, ihre Figuren und landschaftlichen Formen einer Leinwand oder einem Papierbogen gleich als Träger für ihre eindrucksvolle und virtuose Malerei und verbindet so gekonnt das Dreidimensionale mit dem Zweidimensionalen.
Die Werke von Lena Takamori lassen mich immer wieder an das Medium Film denken, da die Künstlerin neben anderen auch mit filmischen Gestaltungsmitteln wie Nahaufnahme, Totale oder Lichtführung arbeitet, um eine Geschichte zu erzählen, Emotionen zu wecken und eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Die Landschaften erscheinen gleichsam als Endlosfilm auf den Gefässen. Die teils lauschigen, teils bedrohlichen Szenerien könnten gut auch als Entwürfe für Filmkulissen dienen. Die Figuren schliesslich erscheinen wie Standbilder aus einem Film: sie zeigen eine Momentaufnahme, eine erstarrte Bewegung.
Raum, Bewegung und Zeit sind die verbindenden Elemente der verschiedenen Ausdrucksformen, mit denen Lena Takamori arbeitet. Bei den Landschaftsdarstellungen mit den Regenwolken schafft sie es auf verblüffende und einzigartige Weise, Raum und Bewegung in einem Werk zu vereinen. Die Köpfe, in einem gestischen und bewegten Stil bemalt und zugleich präsent und abwesend wirkend, nehmen ihren jeweiligen Innenraum ein. Viele der Ganzfiguren sind in Bewegung, mit einer Tätigkeit beschäftigt. _Woman With Bags_ scheint nach den getätigten Einkäufen auf dem Weg nach Hause zu sein. _Bath_ zeigt eine Mutter, die ihr Baby nach dem Bad abtrocknet. Das Tuch zwischen den Zähnen haltend, hält die Mutter das Baby in ihrem Arm. Mit _Stepping Out of Dress_ hat Lena Takamori – um ein letztes Beispiel aufzuführen – einen intimen, meist privaten und mitunter erotischen Moment des Entkleidens festgehalten.
Ob Köpfe oder Ganzfiguren, die dargestellten Charaktere sind nie abweisend; das würde der Persönlichkeit von Lena Takamori nicht entsprechen. Den Blick nach Innen gerichtet oder mit einer Tätigkeit beschäftigt, entziehen sich die Figuren jedoch einer direkten Kontaktnahme und Vereinnahmung und bewahren so ihr Geheimnis.
Lena Takamori geht ihren eigenen künstlerischen Weg, ungeachtet der aktuellen Trends in der Kunstwelt. Ihre Werke zeigen das Erleben, Wissen und Erkennen, Verstehen und Interpretieren von kulturellen und individuellen Erfahrungen der Künstlerin. Sie überzeugen durch ihre Eigenständigkeit und die hohe künstlerische Qualität sowohl im plastischen als auch im malerischen Schaffen.
Hanspeter Dähler